Sulzbach-Rosenberg liegt mitten im Grünen. Foto: Alexander Rädle

Karriere geht nur in großen Metropolen? Nein, nicht nur. "Provinz ist, was du - daraus machst", soll der aus Sulzbach-Rosenberg stammende Schriftsteller Walter Höllerer, Mitglied der "Gruppe 47", gesagt haben. Doch was ist Karriere? Und was ist Provinz? Höllerer machte Karriere im westlichen Nachkriegsdeutschland, unter anderem als Professor in Berlin, und doch war Sulzbach-Rosenberg seine Heimat. Michaela T. (45) schreibt ebenfalls – als Texterin. Sie ist hier daheim, arbeitet hier. Und wollte nie weg.

Michaela, Walter Höllerer wollte nur weg, um wieder zurück zu kommen, schrieb er in einem Aufsatz als Schüler. Das wollen viele nach dem Abitur: weg aus der Heimat. Du nicht?

Michaela T.: Nö. Das wollte ich nie. Mir gefällt's hier, ich mag die Menschen. Das ist meine Heimat. Warum hätte ich weggehen sollen?

... etwas anderes sehen, neue Leute kennenlernen?

Michaela T.: Das kann ich daheim auch! (lacht) Nein, im Ernst: Es ist ja nicht so, dass ich noch nie aus Sulzbach-Rosenberg rausgekommen wäre. Eine gute Freundin von mir lebt in Großbritannien. Die habe ich vor Corona regelmäßig besucht. Überhaupt verreisen ich und mein Mann sehr gerne. Wir sind alles andere als zurückgezogen lebende Stubenhocker. Wir kommen aber auch sehr gerne wieder nach Hause. Offen zu sein, ja weltoffen zu sein, und bodenständig in seiner Heimat zu arbeiten – das schließt sich doch nicht aus.

Viele Menschen sehen das anders. Heimat wird oft mit Rückständigkeit verbunden. Mit Biederkeit. Kennst Du das Gefühlt nicht?

Michaela T.: Nein. Wirklich nicht. Die Sulzbacher und die Rosenberger sind sehr tolerant. Das hat auch was mit der Geschichte des Ortes zu tun, glaube ich. Als Herzog Christian August Mitte des 17. Jahrhunderts das Simultaneum eingeführt hat, durften in seinen Ländern Protestanten, Katholiken und Juden gleichberechtigt nebeneinander leben. In seiner Stadt hat der Mensch gezählt. Sein Glaube war völlig egal. Das war damals etwas ganz Neues. Dieser tolerante, freiheitliche Geist hat sich bis heute über Generationen erhalten.

 

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Das Rathaus in Sulzbach-Rosenberg. Foto: Hermann Luyken, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wie äußert sich das im täglichen Leben?

Michaela T.: Da fallen mir Geschichten ein. Als ich hier in Sulzbach-Rosenberg aufs Gymnasium gegangen bin, wurde bei uns vor allem in den höheren Klassen viel politisch diskutiert. Es waren die 80er Jahre: WAA Wackersdorf, der Konkurs der Maxhütte, Franz Josef Strauß war bayerischer Ministerpräsident. Das war auch gesellschaftlich eine heiß aufgeladene Zeit. Politische Debatten zwischen uns eher linken Schülern und den manchmal vielleicht eher konservativen Lehrern gab es öfter. Zwar wurde es auch mal intensiver und lauter. Danach konnten sich aber alle noch in die Augen schauen. Dass eine solche Diskussionskultur nicht überall Standard war, wurde mir erst später bewusst, wenn ältere Kollegen erzählten, dass bei ihnen an der Schule vor allem "klare Wissensvermittlung" im Vordergrund stand. 

Schule ist aber doch Schule - Jugendliche reiben sich mit den Erwachsenen ... 

Michaela T.: ... darf ich die zweite Geschichte auch noch erzählen? 

Ja, gerne!

Michaela T.: Also, als mein zugezogener Mann von seinem ersten Einkauf hier heimgekommen ist, war er total irritiert. Ihn hatten beim Einkauf gleich mehrere, wildfremde Leute angesprochen und mit ihm über ganz alltägliche Kleinigkeiten geplaudert. Warum sie jetzt dieses und jenes benötigten. Und warum gerade dies für diesen Zweck am besten geeignet sei. Für mich war das ganz normal, für ihn eine Überraschung. Er hat sich mittlerweile dran gewöhnt. (schmunzelt)

Nette Menschen und schöne Landschaft ersetzen keine Karriere-Chancen. Wie war da Dein Anspruch?

Michaela T.: In Deutsch war ich super, in Mathe miserabel. Also war es naheliegend, irgendetwas mit Schreiben zu machen. Schreiben hat mir damals schon Spaß gemacht. Ich habe dann ein Praktikum bei der Zeitung gemacht und bin jetzt seit 25 Jahren im PR-Bereich. Was anderes wollte ich nie machen.

Auch kein Studium?

Michaela T.: Das ist eine schwierige Frage, weil sich die für mich so nie gestellt hat. Anfang der 90er Jahre verlangten Verlage meist noch kein abgeschlossenes Studium für ein Volontariat. Abitur hat da meist gereicht, und das habe ich ja. 

Hast Du in dieser Zeit nie daran gedacht, den Job oder den Betrieb zu wechseln?

Michaela T.: Ehrlich gesagt: Nein. Mir gefällt die Arbeit. Das Klima im Betrieb stimmt. Das ist mir am wichtigsten. Nur meine Arbeitszeit habe ich vor einigen Jahren reduziert, von fünf auf vier Tage pro Woche. Am Wochenende wollte ich einfach mehr Zeit für meine Familie haben. Neudeutsch würde man wahrscheinlich sagen: für mehr Work-Life-Balance. 

Vielen Dank für das Gespräch!