Mit dem mobilen PC auf der Terrasse arbeiten - dazu ein Kaffee. Homeoffice macht''s möglich. Foto: Alexeygy/pixabay.com

Der Weg in die Arbeit – jahrzehntelang war er für Arbeitnehmer tägliches Ritual. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor zwei Jahren hat sich der Weg geändert: Vom Frühstückstisch ins Heimbüro. Wie hat Corona die Büroarbeitswelt verändert? Eine Analyse.

Von überall her für den Chef arbeiten, als säße man im Büro. Technisch ist das seit mehr als 25 Jahren kein Problem mehr. Bereits seit den 1980er Jahren ermöglicht spezielle Software, Computer aus der Ferne zu warten. Mit zunehmender Verbreitung von VNC, dem Virtual Network Computing, von Laptops und Internetanschlüssen seit Ende der 1990er Jahre ist digitales, mobiles Arbeiten von nahezu jedem Ort der Welt aus möglich – theoretisch. Denn die Hürden sind sowohl vielfältig als auch unterschiedlich hoch.

Vor allem die Ausbreitung des Corona-Virus’ seit Anfang 2020 trug zu einer größeren Verbreiterung von Homeoffice bei. Laut einer Erhebung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung waren vor Corona gerade einmal 4 Prozent* der Beschäftigten im Homeoffice tätig. Um Ansteckungsgefahren zu reduzieren, wurden Unternehmen verpflichtet, ihren Beschäftigten das Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen, wenn diese dies wünschten. Wer nicht im Büro arbeitet, trifft weniger Menschen, hat also weniger Kontakte und reduziert damit die Wahrscheinlichkeit, sich oder andere anzustecken. Ein Effekt, den zahlreiche Studien bestätigen.

Mehr als die Hälfte könnte

Zwischen 53 und 56 Prozent der Beschäftigten in Deutschland könnten ganz oder zumindest teilweise ihrer Tätigkeit von daheim aus nachgehen, schreiben die Institute infas und ifo in ihrem Papier „HOMEOFFICE IM VERLAUF DER CORONA-PANDEMIE“**. Tatsächlich befanden sich im ersten Halbjahr 2021 allerdings nur etwa 30 Prozent der Beschäftigten teilweise oder vollständig im Homeoffice, wie ifo, infas und infas360 in Umfragen herausgefunden haben. 

Die Möglichkeit für Beschäftigte, von zu Hause aus zu arbeiten, hängt von vielen Faktoren ab: Art der Tätigkeit, Branche und Größe des Betriebs. Naturgemäß lassen sich Tätigkeiten, die an einem PC in einem Büro erledigt werden, leichter von einem anderen Ort aus erledigen als Aufgaben, bei denen etwa das Bedienen einer Maschine erforderlich ist. Daraus ergeben sich auch regionale Unterschiede: „So ist beispielsweise die Dienstleistungsbranche besonders in städtischen Gebieten angesiedelt. Jobs in dieser Branche, etwa im Versicherungs-und Bankensektor, verzeichnen typischerweise hohe PC-Nutzungsraten und Tätigkeitsprofile mit eher kognitiven, wenig manuellen Arbeiten. Solche Tätigkeiten lassen sich grundsätzlich einfacher ins Heimbüro verlagern“, schreiben die Autoren des Papiers. 

Hauptsächlich Büroberuf im Homeoffice

Es sind vor allem Arbeiter, die weiterhin ihr Heim verlassen müssen, um ihrer Tätigkeit nachgehen zu können. Nur 2 Prozent der in der infas-Mehrthemenbefragung befragten Arbeiter antworteten auf die Frage „Ich arbeite ganz oder überwiegend von zu Hause aus (im Homeoffice)“ mit Ja. Bei leitenden Angestellten waren es hingegen 32 Prozent, bei höheren Beamten 49 Prozent. Dies deckt sich mit den Ergebnissen bei der Frage nach dem formellen Bildungsniveau. Vereinfacht gesagt: Beschäftigte mit höherem Bildungsabschluss in Büroberufen haben eher die Möglichkeit, Homeoffice zu nutzen. „Die Möglichkeiten, Arbeit im Homeoffice zu erledigen oder persönliche Kontakte durch digitale zu ersetzen, war vor allem in Bereichen mit höheren Qualifikationsanforderungen gegeben“, erklärt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund in seinem jährlichen Report „Gute Arbeit“ ***.

Was spricht gegen Homeoffice? Für viele Beschäftigte sind es die fehlenden sozialen Kontakte. Der direkte Austausch mit Kollegen und Vorgesetzten, der schnelle Blick über die Schulter des Kollegen am Schreibtisch nebenan – all das fehlt im Homeoffice. Dazu führen viele Arbeitnehmer die Entgrenzung von Arbeit und Privatem an. Viele wünschen sich daher einen gewissen Ausgleich zwischen Präsenz- und Heimarbeit. Nach Corona dürften also die Zahl der Beschäftigten im Homeoffice und der Anteil der Homeoffice- an der Gesamtarbeitszeit wieder sinken. Weiterer Aspekt: Aufgaben in Führung und Innovation bedürfen zumeist hoher sozialer Interaktion, die sich auf direktem Wege leichter vollziehen lässt als über digitale Konferenz-Software. Weil das wiederum die höhergestellten Berufsgruppen betrifft, gehen Wissenschaftler davon aus, dass gerade Führungskräfte ihren Präsenzanteil in den Firmen wieder erhöhen werden.

Arbeitszeiterfassung im Homeoffice. Gewerkschaften befürchten eine Entgrenzung von Arbeit und Privatem. Foto: elvtimemaster/pixabay.com
Arbeitszeiterfassung im Homeoffice. Gewerkschaften befürchten eine Entgrenzung von Arbeit und Privatem. Foto: elvtimemaster/pixabay.com

Bei den Unternehmen zeigt man sich zusehends offener gegenüber Homeoffice – nach anfänglicher Skepsis. Vor allem größere Unternehmen mit gut ausgebauter und hoch virtualisierter IT können verhältnismäßig leicht die technischen Zugänge bieten. Denn der digitale Zugang von außen zum Unternehmensnetzwerk erfordert hohe Sicherheitsstandards und zudem hohe Breitbandraten bei der Internetverbindung – sowohl im Betrieb als auch beim Mitarbeiter. Vor allem in ländlichen Regionen und bei kleinen Betrieben ist dies längst nicht immer gewährleistet.

Eine Frage des Outputs ist Homeoffice längst nicht mehr. Teilweise haben Arbeitgeber sogar eine höhere Produktivität nach dem Wechsel ins Homeoffice festgestellt, vor allem bei Tätigkeiten, die ohne Zusammenarbeit mit anderen ausgeführt werden können oder weniger komplex sind. Auch Kostensenkungen spielen eine Rolle: Denn wenn nur noch ein Teil der Beschäftigten im Betrieb arbeitet, lassen sich auch Büroflächen einsparen. Und nicht zuletzt versprechen sich Unternehmen auch eine höhere Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie Bewerbern anbieten können, zumindest tageweise von zu Hause aus zu arbeiten. Dies hat der Arbeitgeberverband BDA bereits in einem Positionspapier zur „Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeitswelt“ im Mai 2015 festgestellt. Immer mehr Beschäftigte wünschten sich eine bessere Vereinbarung von Beruf und Privatleben. Der BDA verweist dabei auf eine „Flexibilisierung der Arbeitsorganisation, gerade mit Blick auf den Arbeitsort“ und erwähnt mobiles Arbeiten im Allgemeinen und Homeoffice im Speziellen****.

Skepsis von mehreren Seiten

Die während der Corona-Pandemie zeitlich beschränkt eingeführte Homeoffice-Pflicht sorgte dennoch für Protest. Arbeitgeber-Verbände kritisierten die aus ihrer Sicht zu starke Einflussnahme der Politik auf Unternehmen und ihre unternehmerische Freiheit. Zudem sei in vielen Bereichen mobiles Arbeiten aufgrund der Tätigkeit nicht möglich. Gewerkschaften unterdessen befürchten eine Entgrenzung von Arbeit und Privatleben. 

Welche Bedeutung Homeoffice nach der Pandemie haben wird, ist noch nicht ganz klar. Zumindest wenn man sich in Zahlen gefasste konkrete Prognosen erhofft. Weitgehende Einigkeit herrscht bei Wissenschaftlern, Arbeitgebern und Arbeitnehmervertreten, dass Homeoffice eine wesentlich größere Rolle spielen wird als vor der Pandemie. Eine Umfrage des Team-Software-Anbieters „Slack“ könnte dies bestätigten. Demnach wünschten sich 55 Prozent der Büro-Beschäftigten, auch künftig an einigen Wochentagen von zu Hause arbeiten zu können. Den Betrieb überhaupt nicht mehr zu betreten, kommt dabei nur für eine Minderheit in Betracht (14 Prozent)*****.

 

* Umfrage der Hans-Böckler-Siftung über Statista, abgerufen am 30.01.2022; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1204173/umfrage/befragung-zur-homeoffice-nutzung-in-der-corona-pandemie/

** "HOMEOFFICE IM VERLAUF DER CORONA-PANDEMIE“ auf den Seiten des Bundesministerium für Wirtschaft und Infrastruktur, abgerufen am 30.01.2022; https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/I/infas-corona-datenplattform-homeoffice.pdf?__blob=publicationFile&v=4

*** "Gute Arbeit", abgerufen am 30.01.2022; https://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++034808ca-493c-11ec-99ed-001a4a160123

**** Positionspapier "Chancen der Digitalisierung" des BDA, abgerufen am 30.01.2022; https://arbeitgeber.de/wp-content/uploads/2021/01/bda-arbeitgeber-positionspapier-chancen_der_digitalisierung_nutzen-2015_05.pdf

***** Umfrage von "Slack" über Statista, abgerufen am 30.01.2022; https://de.statista.com/infografik/25243/umfrage-zu-home-office-in-deutschland/